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23.03.2025

Losung, 23. März 2025

Psalm 59,17: "Ich will des Morgens rühmen deine Güte, denn du bist mir Schutz und Zuflucht in meiner
Not."
Apostelgeschichte 26,22: "Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein
Zeuge bei Klein und Groß".


Trotzdem Identität
Paulus steht in Fesseln vor König Agrippa und dem Statthalter Festus und freut sich. Die Fesseln sind
für ihn gar nicht das Bestimmende der Situation, seine Identität in Christus ist es, wie er am Schluss
deutlich macht. Darin besteht seine Freiheit auch in Fesseln. Dadurch heben Fesseln auch die Hilfe
Gottes nicht auf. Die Gewissheit dieser Hilfe bezieht er daraus, dass Gott „bis zum heutigen Tag“
geholfen hat. Hier ist er schon auf der Spur, die er in Philipper 4 formuliert: „Ich vermag alles durch
den, der mich mächtig macht“. Vor der Angeber-Gemeinde in Korinth hat er ja ein bisschen vom
Leder gezogen. Er kann also Gottes Hilfe nicht mehr als etwas verstanden haben, das ihm „immer
fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein“ beschert; er muss sie in den notvollen Situationen
gefunden und erfahren haben.
In demselben Sinn bezeugt David Gott als seinen Schutz und seine Zuflucht. Die Situation ist ein
bisschen wie bei Zorro: Während Michal im Bett eine Atrappe bastelt, verschwindet David irgendwie
übers Dach. Von da an ist es mit Schutz und Zuflucht im äußeren Sinne für zehn Jahre Essig. Sein
Leben ist zurückgeworfen auf das, was heutige Philosophen vielleicht als seine bloße Existenz
bezeichnen würden.
Dieses Geworfen-sein stellt Menschen oft vor die Frage: Wer bin ich eigentlich, und was ist mein
Leben? Jean-Paul Sartre und andere antworten: Nix, also iss, trink und stirb! David sagt: Ich bin ein
Einwohner der Gottesburg, und seine Stärke ist mein Bergfried. Brenzlich wurde es für ihn immer
nur, wenn er diese Burg verließ.
Für Paulus, heilsgeschichtlich sicher noch mehr als für David, ist äußerliches Geworfen-sein eigentlich
das Gelegt-sein aus Johannes 10: „Ich habe euch in die Hand des Vaters gelegt, und mein Vater ist
größer als alles“. Davids Vogelfreiheit, ebenso wie die Gefangenschaft des Paulus finden in der Hand
Gottes statt. Natürlich ist da nichts Beneidenswertes dran. Aber die existentielle Frage, wer sie sind,
und was ihr Leben ist, hat den entscheidenden, alles verändernden Zusatz „in Gott“.
In Gott bin ich ein in Treue Geborgener, mit Verheißungen Beschenkter, von starker Hand
Getragener. Not und Fesseln greifen meine seelsorgliche Lage heftig an, sie bestimmen meine
Identität aber nicht mehr. Paulus und Silas haben in Philippi nicht gesungen, weil sie in den Stock
gespannt waren, sondern weil sie Jesus gehörten.
Die Hilfe, die Paulus bezeugt, ist in vielem eine äußere Hilfe durch den lebendigen Gott, sie ist aber
mit Sicherheit auch immer eine seelsorgliche Hilfe durch den Geist Jesu Christi, der in uns wohnt. Der
verheißene Beistand (Joh. 16) hat Petrus aus dem Gefängnis und Jakobus aufs Schafott geführt, war
aber immer der Beistand Jesu Christi.
Diese Hilfe bewahrt den, der Jesus gehört – mit den Augen dieser Welt gesehen - oft nicht auf
nachvollziehbare Weise, aber hinterher doch so, dass Gott zu loben ist. Paulus beschreibt das auch in
seinem Zeugnis als Lernprozeß, der einerseits viel mit Geduld (Röm. 5), andererseits viel damit zu tun
hat, dass Gott „die Augen des Herzens erleuchtet“ (Eph. 1).

Das Verrückteste ist für mich dann die Hochschulreife, die Paulus in diesem Lernprozeß erreicht. Er
schildert den Philippern ein Luxus-Problem: Entweder er kommt frei, oder er kommt zu Jesus. Wie alt
muss man wohl werden, um das zu verstehen?